Transgenerationale Weitergabe von Traumata oder die langen Schatten des Krieges

28.10.2015 - Johanna Heuveling

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Transgenerationale Weitergabe von Traumata oder die langen Schatten des Krieges
links: Flüchtlingskinder aus Ostgebieten (August 1948), rechts: Flüchtlingsfamilie vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales in Berlin (2015) (Bild von Oliver Feldhaus)

Seit einigen Jahren findet ein Thema Interesse in Deutschland, das siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf eine neue Art und sehr viel persönlicher diesen aufarbeitet. Während bereits Ende der Neunziger Jahren die Kriegskinder zu Wort gekommen sind, über die lange Schweigen herrschte – aus Verdrängung schmerzvoller Erlebnisse oder schuldhaften Verhaltens – erkennt die Öffentlichkeit nun die Übertragung der Traumata der Kriegskinder auf ihre Kinder, die Kriegsenkel, an. Diese Erkenntnisse sind nicht nur bedeutend, um sich individuell mit seinen persönlichen Problemen und seiner Familiengeschichte auseinanderzusetzen, sondern auch, um sich zu versöhnen und zu Menschen zu reifen, die begreifen, was Not, Verfolgung und Gewalt über Generationen hinweg anrichten und die sich daher in der heutigen Zeit für Flüchtlinge und Opfer von Gewalt einsetzen und ihnen Schutz und Heilung bieten.

In den Achtziger und Neunziger Jahren wurden wir überschüttet von Dokumentationen, die jeden Aspekt des Nationalsozialismus und der Greuel des Dritten Reiches unter die Lupe nahmen. Es wurden Experten befragt, Zeitzeugen kamen zu Wort und Filmmaterialien wurden gezeigt. Es war eine notwendige Phase der Aufarbeitung, aber es war eine sehr akademische, äußerliche. Es scheint, als sei die Zeit jetzt reif für eine neue Phase. Die Tätergeneration ist gestorben und die Kriegskindergeneration ist ins Alter gekommen und einige ziehen eine Lebensbilanz. Und auch die Kriegsenkel, zwischen 35 und 50 Jahre alt, beginnen, sich für die Gründe ihrer Probleme und der seltsamen Eigenarten ihrer Eltern familiengeschichtlich zu interessieren. Es ist daher kein Wunder, dass dieses Thema jetzt aufkommt und es ist für viele eine Chance, doch noch einmal an die Abgründe der Biographien heranzugehen.

Viel wurde geforscht und geschrieben über die Opfer des Zweiten Weltkrieges, insbesondere die Überlebenden der Shoah und die Leiden deren nachfolgenden Generationen unter den extrem traumatischen Erinnerungen ihrer Vorfahren. Auch wenn es sich bei den deutschen Kriegskindern nicht um Überlebende von Vernichtungslagern handelt, so haben doch auch sie – unverschuldet – schreckliche Erfahrungen gemacht, auf der Flucht, in den Bombennächten, sie haben Verlust, Krankheit, Tod, Hunger und extreme Gewalt erlebt. Die Bearbeitung der Auswirkungen der Kriegserlebnisse auf Kinder und nächste Generationen war allerdings lange Zeit ein Tabu, einmal weil befürchtet wurde, dass es wie ein Herabsetzen der Würdigung der Leiden der Opfer des Nationalsozialismus gesehen werden könnte. Aber auch, weil die Erlebnisse aus Scham und Schuld innerhalb der Familien geheim gehalten wurden. So erwartete man von der Kriegskindergeneration, den zwischen 1930 und 1945 Geborenen, dass sie die schlimmen Geschehnisse schon schnell vergessen würden.

Heute ist man klüger und weiß, dass Erfahrungen von Destabilisierung und Zusammenbruch, dem Gefühl der Schutzlosigkeit und Verlorenheit für Kinder dramatische psychische Störungen im Erwachsenenleben zur Folge haben, umso jünger, umso gravierendere. So litten viele Kriegskinder ihr Leben lang unter Ängsten, Depressionen, einem ständigen Gefühl von Verlassensein, Existenz- und Verlustängsten, Alkoholismus und anderen Süchten, häufig ohne eine Ahnung, woher ihre Probleme kommen.

Sabine Bode, die Autorin des Buches „Die vergessene Generation“ schreibt, es sei ja nichts Neues, dass Kinder am stärksten unter kollektiver Gewalt leiden, es sei neu, dass eine ganze Generation, die verheerende Erfahrung gemacht hat, nicht das Gefühl hat, schlimmes erlebt zu haben, weil sie keinen emotionalen Zugang dazu haben.

Dass dies nicht die besten Voraussetzungen waren, um selbst Kinder groß zu ziehen, liegt auf der Hand. So beschreiben viele Kriegsenkel, dass ihre Eltern für sie emotional nie erreichbar gewesen seien, eigentlich immer „nicht da“ waren, in Gedankenschleifen verhangen und ständig mit sich selbst beschäftigt. Sie haben mit Konsum und viel Arbeit kompensiert. Darüberhinaus haben die Kinder der labilen erwachsenen Kriegskinder häufig die Elternrolle übernommen, sich für die Stimmungen zuhause verantwortlich gefühlt und versucht, etwas wieder gut zu machen, wovon sie garnicht wussten, was es eigentlich ist und woher es kommt. Bis in das Erwachsenenalter verlangten die Eltern ihre Fürsorge und sie konnten sich oft nicht ohne Schuldgefühle vom Elternhaus lösen. Über die Vergangenheit wurde nicht geredet, aber sie hing für viele immer diffus im Raum. Der Krieg war nie Thema und wenn, dann auf einer unpersönlichen, vagen Ebene.

Diese Eltern konnten ihren Kindern nicht in einer Elternfunktion Orientierung und Unterstützung bieten, sondern haben eher nach Worthülsen erzogen: „Ihr habt es doch viel besser als wir.“ „Euch geht es wohl zu gut.“ Dementsprechend hatte es die Enkelgeneration schwer, sich im Leben zurecht zu finden, einen Sinn für ihr Leben zu finden. Viele leiden bis heute unter fehlender Lebensorientierung, Überforderung, emotionaler Armut, Beziehungslosigkeit, Einsamkeit, bis hin zu ernsthaften Depressionen und Panikattacken, die sich nach Analysen, wie viele Therapeuten berichten, häufig als direkte Übertragungen schlimmer Erlebnisse des Vaters oder der Mutter entpuppen.

Da sie nicht ergründen können, woher ihre Probleme stammen – sie hatten es doch immer gut gehabt, waren ohne Krieg und Leid, in der besten aller möglichen Gesellschaften aufgewachsen – werden sie auch als Nebelkinder bezeichnet, die sich wie durch einen Nebel durchs Leben bewegen und beim Versuch, ihren Eltern Fragen zu stellen, auch nur wieder auf eine Nebelwand stossen.

Was uns diese Erkenntnisse vor allem lehren: Krieg hat einen sehr langen Schatten. Wenn wir an die heutigen Kriege und andauernden Unruhen in Syrien, Palästina, Libyen, Kongo, Somalia und so weiter denken, dann müssen wir vor allem an die Kinder denken, die in Situationen von Destabilisierung, Überforderung und Angst der Eltern und traumatischen Erlebnissen aufwachsen. Dann verstehen wir, dass wir nachhaltig für viele Generationen die Menschheit schädigen und zumindest alles dafür tun müssen, den Flüchtigen dieser Konflikte ein sicheres, geborgenes Zuhause zu bieten, damit sie ihre Traumata besser überwinden können.

Literaturempfehlung:

„Nebelkinder“ von Michael Schneider, Joachim Süss im Europa Verlag Berlin

„Kriegsenkel: Die Erben der vergessenen Generation“ von Sabine Bode im Klett-Cotta Verlag

Kategorien: Frieden und Abrüstung, Gesundheit
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