Interkulturelle Kunst mit Memduh Kuzay aus Istanbul

08.07.2015 - Pressenza Berlin

Interkulturelle Kunst mit Memduh Kuzay aus Istanbul
Gemälde von Memduh Kuzay

Kunst ist der Spiegel der Seele und interkulturell und interreligiös der Ausdruck unserer Identität im Austausch mit dem Anderen und im Dialog mit dem Anderen.  Ästhetik ist vor allem in der muslimischen Kultur sehr wichtig. Denn in einer Tradition des Propheten Muhammad heißt es: „Allah ist schön und liebt die Schönheit“.

Bei einem Spaziergang durch das Zentrum von Istanbul bin ich ganz zufällig auf eine Bilderausstellung des türkischen Künstlers Memduh Kuzay gestoßen. Es ist eine kleine Ausstellung mit etwa zwei Dutzend Gemälden, die fast nur die Stadt Istanbul in außergewöhnlichen Farbkombinationen thematisieren. Ich war von der Verarbeitung des Themas und der Mitteilung der Vision der eigenen Stadt begeistert. Ich finde Künstler wie Memduh Kuzay wichtig für den interkulturellen und interreligiösen Dialog. Daher habe ich mich auch dazu entschieden, ihn zu interviewen.

Aygun Uzunlar – ProMosaik e.V. Istanbul: Für Promosaik ist die Kunst eine universelle Umgangsform, die Völker und Religionen verbinden kann. Was denken Sie darüber?

Memduh Kuzay: Die Kunst fokussiert in ihrer gesamten Vielfalt auf den Menschen und hat eine einzigartige, universale Sprache. Eine oberflächliche, lokale oder regionale Annäherung an die Kunst würde die Gemeinsamkeiten der Menschheit vollkommen ausblenden. Alle Gemeinsamkeiten würden abhandenkommen. Zudem sollte man die Kultur, in der man das eigene Leben verbringt, versuchen, mit einer gemeinsamen Einheitssprache, in diesem Falle mit Hilfe der universalen Sprache der Kunst, zu vermitteln. Das größte Geschenk der Kunst an die Menschheit besteht gerade in diesem ständigen Brückenbau zwischen allen Religionen und Kulturen dieser Welt, um sie miteinander zu vereinen. Denn nur die Kultur hat es in sich, die Wahrheit so prägnant zum Ausdruck zu bringen. Für Künstler wie wir wird es ein harter Kampf, es gibt Religionsgemeinschaften, die Kunst völlig ignorieren, Kunst bekämpfen und für Kunst nichts übrig haben. Wir Künstler müssen im Herzen dieser Religionen suchen. Religiöse Architektur und religiöse Kultur könnten uns hierbei behilflich sein, die erste Brücke stabil aufzubauen. Wir dürfen aber niemals die Religionen vergessen, die sogar Jahrtausende alte Kunst zerstören. Ich kann nur sagen, dass die Kunst in der Lage ist, Kulturen und Religionen wie in eine Mosaikstruktur miteinander zu verbinden, aber es müssen die richtigen Religionen sein.

Was hat Sie dazu gebracht, den Weg des Künstlers einzuschlagen?

Die Natur hat im Vorfeld entschieden, mich zu einem Künstler zu machen, es ist wie ein Programm, das mir bei der Geburt überspielt wurde! Ich stamme aus einer Familie, die vom Kaukasus zwangsausgewandert ist. Eigentlich wurde meine Familie gewaltsam aus ihren Wurzeln gerissen. Naja, als ich 5-6 Jahre alt war, hatten meine Eltern nicht die Mittel, mich mit Papier und Bleistift zu versorgen. Ich entdeckte die weiß angestrichenen anatolischen Häuser und die Kohle. Nachts im Mondlicht habe ich heimlich die weißen Wände bemalt, und als ich die Farbe entfernte, kam darunter der braune Lehmstrich hervor. Am Ende habe ich alle Wände des Zimmers bemalt und nannte es am Ende „Die Weltkarte“. Es hat natürlich nicht lange gedauert, bis ich erwischt wurde. Danach habe ich den Lehm entdeckt und fing an, von verschiedenen Lebewesen wie Kühen, Schafen und Vögeln plastische Figuren anzufertigen. Ich baute auch ein Spielzeugauto aus Weidenbaumholz, zu dessen stolzem Besitzer ich dann wurde. Unser Grundschullehrer brachte uns zu einem Picknick in der Natur, obwohl wir alle auf dem Land lebten. Der einzige Unterschied zu den anderen Tagen war, dass wir heute etwas zum Essen und Trinken dabei hatten. Wir genossen von einem Hügel aus die Aussicht ins tiefe Tal. Der Lehrer forderte uns auf, ein Flugzeug zu zeichnen. Wir alle hatten bisher noch kein Flugzeug gesehen und wussten auch, wozu es gut war! Das einzige moderne Fahrzeug, das wir sahen, war der grüne Geländewagen, der ein paar Mal im Jahr unseren Landrat besuchte. Ich habe mit der Zeit verstanden, dass die Fahrzeuge im Himmel, die einen weißen Streifen hinterließen, Flugzeuge waren. Der Lehrer fragte mich, woher zum Teufel ich wusste, wie ein Flugzeug aussah. Dieses Flugzeug war mein erstes Kunstwerk. Wer von Natur aus vorgesehen ist, Künstler zu werden, der hat alle Motivationen schon in sich drin.

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Welche Erfahrungen haben Sie aus den USA in die Heimat mitgebracht?

Eine der wichtigsten Erfahrungen war natürlich die „Einzigartigkeit des Individuums“. Die Kunst ist in ihren Innovationen immer einen Schritt voraus. Andere zu kopieren und sie nachzuahmen ist ein Zeichen von Rückständigkeit. Die Einzigartigkeit ist der Schlüssel, um in der Welt der Kunst etwas zu bewegen. Die USA hat mir in dieser Hinsicht die Augen geöffnet, und es ist mir dann gelungen, über 10.000 Werke zu produzieren. Alle meine Werke befinden sich in Sammlungen. Ich glaube, dass ich in der Lage war, dieses Konzept der Originalität aus den USA nach Hause in die Türkei zu bringen.

Welche ästhetischen Symbole verwenden Sie überwiegend in Ihren Werken über Istanbul?

Für mich bedeutet Istanbul die Altstadt in den antiken Stadtmauern und am Bosporus. Alles, was außerhalb dieser Grenzen liegt, ist für mich nicht mehr Istanbul. Die Silhouette der Stadt Istanbul besteht (bis auf den Galata- und den Länderturm) aus unzähligen Moscheen. Selbst die prächtige Hagia Sophia schaut mit ihren Minaretten von außen aus wie eine Moschee. Istanbul beherbergt auch lebende Symbole, wie die verwahrlosten Straßenkatzen, die Streunen und die Möwen. Sie sind mit den Menschen meine ästhetischen Symbole der Stadt Istanbul in meinen Werken.

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Auf Ihren Bildern ist das Pferd als Symbol sehr präsent, warum?

Ich bin Tscherkesse, meine Ahnen stammen aus Kabardino-Balkarien. Wir Tscherkessen pflegen unsere Kultur seit tausenden von Jahren. Das Pferd lebt in unserer Kultur seit Jahrtausenden mit und in uns. In meinem Tscherkessen-Dorf, in dem ich auf die Welt kam, kenne ich keinen Haushalt ohne Pferde. Für die Tscherkessen ist das Pferd heilig. Ich habe die Pferde schon im Kindesalter kennengelernt. Ich ritt auf dem Rücken der Pferde, bis mir die Tränen aus den Augen kamen. In den primitiven Kulturen stand der Stier im Vordergrund, während in den kultivierteren Kulturformen das Pferd dominierte. Außerdem ist das Pferd auch das schönste Geschöpf, das die Natur hervorgebracht hat. Das Pferd steht für Ästhetik und Würde und hat einen besonderen Wert für unsere tscherkessische Kultur.

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Wie kann man mit Kunst eine Stadt erreichen und wie kann man mit Kunst eine Stadt vertreten?

Ohne Frage gilt die Kunst in allen Kulturen zu den wichtigsten Interessensgebieten. Der Künstler hat viele Quellen der Inspiration, worunter auch die Geographie, das Land oder die Stadt. Die Städte sind in der Regel Orte des geistigen Zusammenlebens. Die künstlichen Tätigkeiten kann man dort effektiver vorstellen. Dem Künstler stehen in einer Stadt vielfältige und praktischere Möglichkeiten und Wege zur Verfügung. In der Stadt lernt man, auf die eigene Stimme zu hören. Dies bedeutet, dass man die eigenen Ideale und die Geschichte und Architektur der Stadt in einer plastischen Form zusammenführen kann. Dazu gibt es zahlreiche Möglichkeiten.

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Kategorien: International, Kultur und Medien
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