Ich bin immer zu spät…

12.02.2015 - Javier Tolcachier

Dieser Artikel ist auch auf Englisch, Spanisch verfügbar.

Ich bin immer zu spät…

Immer wenn ich mich anschicke, etwas zu Papier zu bringen, oder besser gesagt meinem Standpunkt zu einem relevanten Thema Ausdruck verleihen will, geschehen bereits weitere Ereignisse, auf die sich die allgemeine Aufmerksamkeit richtet. Heute habe ich mir vorgenommen, dem zuvorzukommen und genau das Gegenteil zu versuchen – aber natürlich mit dem gleichen Sinn für schlechtes Timing.

Ich sage also voraus, dass in nicht allzu ferner Zukunft die unterschiedlichsten Kulturen der Welt zusammenarbeiten werden. Aber wie soll das aussehen? Hat uns nicht Samuel Huntington in seinem Artikel und darauf folgenden Buch „Kampf der Kulturen“ genau das Gegenteil erklärt? Entsteht nicht gerade ganz offensichtlich eine schier endlose Reihe von Konflikten entlang einer – wie er es nennt – „Grenzlinie zwischen den Zivilisationen“?

Allerdings ist, wie gewöhnlich, nicht immer alles so, wie es scheint.

Schauen wir einmal näher hin. Auf den ersten Blick scheinen interreligiöse Hintergründe die Ursache für zahlreiche aktuelle Konflikte zu sein. Muslime werden von Buddhisten in Myanmar und von der christlichen Regierung auf den Philippinen verfolgt. Kriminelle Banden wollen ihre islamistischen Forderungen gewaltsam in Somalia, Mali, Niger, Libyen und an weiteren Orten in Nordafrika durchsetzen. In Ägypten werden die Kopten verfolgt, die Spannungen zwischen Indien und Pakistan dauern an und radikale Uiguren haben gerade mehrere junge Chinesen als Vergeltung für die Unterdrückung der islamischen Minderheit durch die Zentralregierung Chinas auf einem Bahnhof umgebracht. Eine andere Regierung, diesmal die israelische, hat ihrem Militär befohlen, den Tod auf die in Gaza eingepferchten Palästinenser – ebenfalls Muslime – regnen zu lassen; den gleichen Tod, den die Drohnen und Soldaten der angelsächsisch-christlichen Kultur mit ihren neuen Kreuzzügen in den Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien brachten.

Aber auch innerhalb ein und desselben Glaubens gibt es unterschiedliche Interpretationen und es brechen Konflikte unterschiedlicher Intensität und Dauer aus. Im mittleren Osten und auf der arabischen Halbinsel haben salafistische Sunniten und Schiiten einen blutigen Krieg um die innerislamische Herrschaft entfesselt. Mit weniger physischer Gewalt als in vergangenen Zeiten, dafür aber mit gleichem fanatischen Eifer kämpfen protestantische und katholische Legionen um die Herrschaft über die Seelen in großen Teilen Amerikas und Afrikas.

Eine andere Art von Konfliktexistiert zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, so wie in einigen Regionen Afrikas und Asiens oder zwischen Bevölkerungsgruppen, denen die Zentren der Macht fremd geworden sind, wie in Katalonien, Schottland oder dem Baskenland.

Jeder Analyst muss zugeben, dass es hier nicht um einen „Kampf der Kulturen“ geht, sondern dass die Vielfältigkeit und Zersplitterung eher auf einen Ausdruck struktureller Instabilität aufgrund fehlender menschlicher Beziehungen hinweist.

Aber selbst diese Sichtweise ist unzureichend, da sie zu sehr auf die Konflikte beschränkt ist und dadurch andere Phänomene verdeckt.

So kann man auch verstehen, was Huntington, ehemaliger  Harvard-Professor und Berater des US-Außenministeriums, mit seiner Theorie bezweckte, die davon spricht, Realitäten zu „produzieren“ und nicht „vorherzusagen“. Egal, ob er sich dessen nun bewusst war oder nicht, projizierte sein Blick bewusst Szenarien in denen die Ziele und Rechtfertigungen einer bestimmten Herrschaftsform eine kulturelle Zersplitterung provozierten und jeden Geist der Souveränität und Zusammenarbeit untergruben.

Tatsächlich hat Huntington seine Beweggründe von den historischen Konzepten Spenglers und Toynbees abgeleitet, die in eine Welt hineingeboren wurden, deren Zeitgeist stark vom biologischen Determinismus und der Pawlowschen Konditionierung beeinflusst wurde.

Eines ist aus heutiger Sicht jedoch gewiss: wir erleben die Geburt einer einzigartigen Zivilisation, der ersten planetarischen Zivilisation der Geschichte. Aber wir dürfen nicht den dialektischen Linien folgend glauben, Konflikt sei der einzige Weg für eine Entwicklung von Beziehungen unter verschiedenen Gruppen. Das ist der grundlegende Fehler, den man in einer dialektische Analyse begeht, die ihren Ursprung in der Zeit des Polemos von Heraklit hat.

Um ein Phänomen zu bewältigen, setzt man es mit anderen in Beziehung. Beziehungen, die manchmal gegensätzlich sein mögen, aber auch eine echte Vervollständigung sein können, sprich ein Schritt zum Erreichen einer Synthese sein können.

Auf diese Weise, und sehr zum Verdruss von Mr. Huntington, können wir beobachten, wie Pakte zwischen verschiedenen Kulturen, Religionen und Zivilisationen entstehen – wenn auch noch im Schatten der Verbrecher, die auf gemeinsamen Interessen basierend Kriege vorantreiben und finanzieren. Das konnten wir bei Saudi-Arabien mit Katar, Israel mit Nordamerika/ Großbritannien beobachten.

Aber viel interessanter sind die Beobachtungen von beginnenden Allianzen, die eher auf Entwicklung denn auf Konflikt basieren. Ein Beispiel hierfür ist der noch recht junge als Gegengewicht zu einer augenscheinlich kulturellen Hegemonie enstandende Block, der sich aus sehr verschiedenen Zivilisationen gebildet hat. Jener Block, bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – dessen Akronym BRICS bereits in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist – zeigt deutlich, wie Nationen mit grundlegend unterschiedlichen kulturellen Wurzeln zusammenarbeiten und ein gemeinsames Weltbild schaffen. Ein Weltbild, an dem sich scheinbar auch Völker anderer Kulturen mehr und mehr orientieren.

Von Belang für dieses Weltbild ist auch eine neue multikulturelle Strömung in Lateinamerika. Dort entdeckt man in zunehmendem Maße die indianischen und afrikanischen Wurzeln wieder, deren Einfluss auf die Bevölkerung, die größtenteils gemischter Herkunft ist, unverkennbar ist. Dies hat zur Folge, dass in Lateinamerika die bis dato vorherrschende unterwürfige Verehrung der Beherrscher Platz für die Suche nach einer Identität macht, die auch Menschen anderer Kulturen mit einschließt; es ist also eine aufrechte, keine rachsüchtige Annäherung an das „Andere“.

Bedeutend ist auch das bereits in der Realität existierende stark multikulturell geprägte Zusammenleben der Völker in Europa, auch wenn immer noch Einzelne oder ganze dies leugnen.

Was soll man nun zu den USA sagen, dem Heimatland unseres weisen Professors, dem Ort, an dem laut US-Einwohnermeldeamt die Zahl der Mischehen immer weiter wächst? Von 310.000 im Jahre 1970 sind sie auf 651.000 im Jahr 1980, auf 964.000 im Jahr 1990, auf 1.464.000 im Jahr 2000 und 2008 auf 2.340.000 gestiegen, womit sie ungefähr 15% aller Eheschließungen ausmachten. Abgesehen von den Willkürlichkeiten dieser demografischen Definitionen (Hispano-Amerikaner und Angelsachsen werden als „Weiße“ klassifiziert) und begrifflichen Ungenauigkeiten („Rasse“ ist nicht gleichbedeutend mit Kultur oder Zivilisation) sollte hier nicht die Tatsache, dass eine immer weiter steigende Zahl von Menschen ihre intimsten Träume mit Partnern aus anderen Kulturräumen teilen, zu denken geben?

Die Grenzen, die die Kulturen zu trennen scheinen, und die von einem gewissen Blickwinkel aus Konfliktquellen darstellen könnten, werden einfach von einer höheren Intention hinweggefegt. Auch wenn die alte Welt noch im historischen und sozialen Gedächtnis vorhanden ist, taucht ein neuer Horizont als Zukunftsbild im menschlichen Bewusstsein auf und macht sich bemerkbar. Dies ist keine Vorhersage oder Prophezeiung. Es geschieht tatsächlich. Die universelle menschliche Nation entsteht bereits.

Und wie ich bereits sagte, ich bin immer zu spät…

Übersetzung aus dem Englischen von Evelyn Rottengatter, überarbeitet von Christoph Hügel.

Kategorien: Humanismus und Spiritualität, Meinungen, Vielfalt
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