Das Chevron-Texaco Desaster im Amazonas soll sich nicht wiederholen

30.08.2014 - Reto Thumiger

Dieser Artikel ist auch auf Spanisch, Italienisch verfügbar.

Das Chevron-Texaco Desaster im Amazonas soll sich nicht wiederholen

Ecuador, das kleinste Mitgliedsland der OPEC, ist auf seine Einnahmen aus den Erdölförderungen angewiesen. 20% der Erdölreserven des Andenstaates, 850 Millionen Barrel Öl, liegen im Amazonas-Nationalpark Yasuni, dem größten Nationalpark Ecuadors.

Dieser 9.820 km² große Nationalpark gilt als das Gebiet mit der weltweit größten Biodiversität und wurde deshalb auch von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt.

2008 wurden die Rechte der Natur in der ecuadorianischen Verfassung anerkannt und somit die Natur erstmals als Rechtssubjekt deklariert. Außerdem wurden besondere kollektive Rechte der indigenen Bevölkerung sowie ein Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur (Buen Vivir) verankert.

Darauf basierte eine einzigartige Initiative. Sie schlug vor, auf die Förderung der Erdölreserven in dem Naturschutzgebiet zu verzichten, um die einzigartige Biodiversität nicht in Gefahr zu bringen, die in selbstgewählter Isolation lebenden indigenen Völker nicht weiter zu vertreiben und den Ausstoß von 407 Millionen Tonnen CO2 zu verhindern, indem das Erdöl unter der Erde bleibt. Für diesen Verzicht sollten die Industrienationen Kompensationszahlungen von 3,6 Milliarden Dollar leisten, da die Bekämpfung der Erderwärmung zum weltweiten Ziel erklärt wurde und der Norden seine ökologischen Schulden anerkennen und entsprechend begleichen soll. Die Idee der Ökoschulden beruht auf dem Gedanken, dass alle Menschen das gleiche Recht an der Atmosphäre und der Umwelt haben, aber in der Praxis die reichen Länder des Nordens einen überproportionalen Anteil in Anspruch nehmen. Nach dieser Logik werden die Industrienationen in Hinblick auf die Umweltbelastung zu Ökoschuldnern.

Die geforderte Kompensationszahlung macht rund die Hälfte der Einnahmen aus, die durch den Verkauf der geschätzten 850 Millionen Barrel Erdöl erzielt werden könnten. Das Geld würde in einem UNO-Treuhandfonds verwaltet. Mit der Unterstützung dieses Fonds sollte Ecuadors Wirtschaft von einer auf Erdölförderung basierenden extraktiven Form zu einem nachhaltigen Entwicklungsmodell mit breitangelegter Nutzung erneuerbarer Energiequellen entwickelt werden. Somit hätte im Zeitraum von 30 Jahren rund 1 Mrd. Tonnen CO2-Emissionen vermindert werden können, durch den Erhalt der Ökosysteme, Wiederaufforstung und Entwicklung sauberer Energiequellen.

Correa Fernsehansprache

Rafael Correas Fernsehansprache am 16.08.2013

Deutschland hat sich lange als Hauptunterstützer für die Initiative stark gemacht, bis zum plötzlichen kompletten Rückzug im August 2010. Genau vier Jahre später wurde die Initiative von Präsident Rafael Correa als gescheitert zurückgenommen. Dies teilte er mit großer Trauer in einer Fernsehansprache mit. Er sagte, die internationale Gemeinschaft und vor allem die Industrienationen, die den größten Anteil an der Klimaerwärmung haben, hätten Ecuador im Stich gelassen. Nicht einmal 1% der Zielsumme wurde bis zu diesem Zeitpunkt in den Fonds eingezahlt und dies trotz der Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten und internationalen Organisationen wie der Europäischen Union, Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP), der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und der Andengemeinschaft (CAN) unter anderen. Auf den Einwurf, die Yasuni-Initiative sei wohl ihrer Zeit weit voraus und falle ausgerechnet in die größte Wirtschaftskrise seit 80 Jahren, reagierte Präsident Correa mit klaren Worten und wirft den Industrienationen Heuchelei vor. Die vorherrschende Logik sei eine Logik der Macht und nicht der Gerechtigkeit. Er weist darauf hin, dass die Länder mit dem größten CO2-Ausstoß die reichsten und mächtigsten Staaten seien, während die Umweltgüter, von anderen Ländern beigesteuert, gratis sind. Warum sollte man also etwas bezahlen? „Wäre die Situation umgekehrt“, so Correa weiter „wären die armen Länder die größten Umweltverschmutzer und die reichen Länder besäßen den Amazonas, der saubere Luft produziert, würden sie uns zwingen dafür zu bezahlen, selbst wenn sie dafür hier einmarschieren müssten.“

Mit dem Entscheid nun doch Erdöl im Amazonas-Nationalpark zu fördern, setzt sich Rafael Correa der Kritik sowohl von Teilen der ecuadorianischen Bevölkerung, als auch von Umweltorganisationen aus. Da nutzt auch die Beteuerung von Regierungsseite nicht viel, dass die für 2015 geplante Ölförderung nicht mehr als 0.1% des Nationalparks tangieren wird.

Nicht vergessen sind die Jahrzehnte der Erdölförderung im Amazonas in den 70er und 80er Jahren ohne jede Rücksichtsnahme auf Menschen und Natur, die einen immensen ökologischen Schaden und enorme gesundheitliche Konsequenzen für die betroffenen indigenen Gemeinschaften zur Folge hatten. Zwar sind diese ökologischen Verbrechen unter der Federführung von Texaco (2001 mit Chevron fusioniert) passiert, wofür das Unternehmen zur höchsten Umweltstrafe aller Zeiten verurteilt wurde und die heutige Regierungsallianz war in den Umweltskandal nicht verwickelt. Außerdem wird die Kampagne „La Mano Sucia de Chevron“ (Die schmutzige Hand Chevrons) von der Regierung unterstützt, um den zahlungsunwilligen Ölmulti zur Begleichung seiner Schulden zu zwingen. Für Präsident Rafael Correa ist das Scheitern der Yasuní-Initiative ein großer Rückschlag in seinen Bemühungen und für die Zukunft unseres Planeten eine schlechte Nachricht.

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Botschafter Jorge Jurado

Der Botschafter Ecuadors in Berlin, Jorge Jurado, rief in einem Gespräch die Umweltschutz- organisationen dazu auf, den Fall Chevron-Texaco und das Scheitern der Yasuni-Initiative nicht zu vermischen. Es handle sich dabei um zwei sehr unterschiedliche Themen. Für Ecuador sei die Biodiversität eine bedeutende Ressource, die es zu schützen gewillt sei. Darum unterstütze der Staat die Kampagne, um Chevron-Texaco dazu zu zwingen, seine Umweltschulden zu bezahlen und damit das Gebiet im Amazonas saniert werden kann.

Das Entwicklungsland Ecuador benötige allerdings dringend die Einnahmen aus der Ölförderung, um einen qualitativen Sprung machen zu können und habe bereits unter Beweis gestellt, dass es zu nachhaltigen Investitionen fähig sei. Es sei bedauerlich, dass die Industrienationen nicht bereit waren 13 Jahre lang 277 Millionen US-Dollar zu bezahlen. Angesicht der 3 Milliarden Dollar, die von den USA jährlich als Militärhilfe für Israel geleistet werden, scheint dies eine sehr geringe Summe zu sein. Die Förderung werde nur einen minimal kleinen Teil des Naturparkes betreffen und mit größtmöglicher Vorsicht und mittels modernster Technologie erfolgen.

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