Den Krieg nicht mehr lernen – Den Frieden entwickeln

01.07.2014 - Johanna Heuveling

Den Krieg nicht mehr lernen – Den Frieden entwickeln
(Bild von )

Der Vorsitzende des Internationalen Versöhnungsbundes (deutscher Zweig), Matthias Engelke, hält eine Rede anlässlich der Jahrestagung in Salzwedel. Wir haben sie hier in Auszügen wiedergegeben. Vollständig ist sie hier zu finden.

Die sichtbare und nicht-sichtbare Seite des Krieges

Der Krieg ist ein noch nicht verbotenes Verbrechen. Diese Auffassung teilen wir mit dem japanischen Volk. In deren Verfassung steht: „Das japanische Volk wird nicht anerkennen, dass das Töten von Menschen im Krieg kein Verbrechen ist.“ (Artikel 9). Das ist vergleichbar mit der Zeit, als das Schlagen von Kindern, die Vergewaltigung der eigenen Ehefrau und das Halten von Haussklaven noch nicht verboten war. Und das ist noch nicht lange her.

Der Krieg hat eine sichtbare und eine nicht sichtbare Seite.

Zu der sichtbaren Seite gehören die Lügen. Jeder Krieg, an dem deutsche Soldaten in den letzten Jahrzehnten beteiligt waren und sind, wurde mit Lügen vorbereitet. Menschen haben ein Recht auf Wahrheit. Lügen aufdecken ist Friedensarbeit und kann Kriege verhindern. Zu den Lügen gehört auch das Verschleiern der Tatsache, dass es in der Macht der Einzelnen liegt, Kriege zu verhindern, denn ohne das Rechtfertigen, Mitmachen, Unterstützen und Ausüben der Handlungen vieler Einzelner wäre kein Krieg möglich.

Zur sichtbaren Seite des Krieges gehört die Rüstungsindustrie und die damit verbundene Raubwirtschaft im Ausland und im Inland. Der Zufluss von Rohstoffen soll gesichert werden. […]

Die Armee dient als Arbeitsbeschaffungsprogramm: Sind angeblich „zu viele“ Arbeitskräfte auf dem Markt, können sie in einer Armee zwischengeparkt werden. Gibt es zu wenig Profitmöglichkeiten, verschafft ein Krieg die nötige Nachfrage durch kriegerische Zerstörungen.

Zur sichtbaren Seite des Krieges gehören die Toten und Verwundeten, die Opfer von Kriegen: Die Heilungsprozesse der Verwundeten und ihrer Angehörigen mit ihren sichtbaren und unsichtbaren Schäden werden der Allgemeinheit aufgebürdet: Die Folgen des Krieges trägt die Gesellschaft, nicht die Rüstungsindustrie.

Zur nicht-sichtbaren Seite gehört der Gewaltglaube. Walter Wink hat darauf hingewiesen, dass zu den Voraussetzungen von Kriegen der Glaube „an die erlösende Gewalt“ gehört, die Auffassung, „endlich passiert“ etwas, wenn die Situation so dramatisch geworden – als so dramatisch dargestellt worden ist, dass sie nicht mehr ausgehalten wird. […]

Zur nicht-sichtbaren Seite gehört die eigene Verquickung in den Krieg: Durch den eigenen Gewaltglauben, durch Steuern, durch meine Loyalität: Wem gilt meine Loyalität: Der Obrigkeit, die sich das Recht herausnimmt, über das Leben anderer Menschen befinden zu können oder Gott? Dem Geld oder der Liebe?

Zur nicht-sichtbaren Seite gehört es, wenn im Einzelnen die Verwandlung stattfindet, die Konversion, die Abwendung vom Glauben an die Gewalt, dahin, den Krieg nicht mehr lernen zu wollen. Dies wirkt sich aus auf die eigene Gesellschaft, die Politik und die Wirtschaft mit dem Ziel, dass der Krieg endlich ein verbotenes Verbrechen wird und unterbleibt.

Die unhörbare und hörbare Gestalt des Friedens

Der Friede hat eine unhörbare und eine hörbare Gestalt.

Zur unhörbaren Gestalt gehört: Jeder und jede, die und der – ohne es selbst anzustreben – Gewalt erleidet, bringt mit seinem und ihrem eigenem Leib und Person die Gewalt zum Stillstand […]. Jeder und jede, der und die ohne eigene Gewalt, im Leid Gewalt gestoppt hat, ist eine Friedensquelle für die Welt. Gewalt setzt und schafft nicht Recht. […]

Zur unhörbaren Gestalt gehören die stillen Gebete, das Flehen und die Träume aller, die unter Gewalt leiden. Das ist keine rein subjektive Sache, sondern ein Kampf darum, welcher Geist bestimmt: Der Geist, der tötet, oder der Geist, der lebendig macht? […]

Unhörbar ist es, wenn in einem Menschen die innere Wandlung sich vollzieht: Das Unrecht wird unterlassen und die eigenen Möglichkeiten, den Frieden zu entwickeln, werden erkannt. Wir sollten dabei nicht zu gering von uns selbst denken, ohne es dabei zu unterlassen, sich stets bedürftig zu halten, angewiesen auf Unterstützung, Korrektur und Gemeinschaft.

So kann die Leidenschaft für das Leben entstehen. Sie zeigt sich auch darin, die Wahrheit zu sagen und Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen. So wird Friede hörbar.

Zum Frieden entwickeln gehört es wahrzunehmen, dass Gewaltfrei-sein die Bedingung für jegliches Lernen und persönliche Entfaltung ist. Den Krieg nicht mehr lernen ist die Voraussetzung für zwischenmenschliche und weltweite Kultur, unabhängig von Staaten und Nationen, so dass eines Tages auch Staaten neu gedacht werden, ohne den Anspruch im Krieg über das Leben anderer zu befinden.

Es gilt, neue Gemeinschaften zu bilden und dadurch Fakten zu schaffen. Dieser Aufgabe galt die Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes vor bald 100 Jahren. Solche Gemeinschaften dienen dem Kampf für Frieden, Gerechtigkeit und für die Mitwelt vor Ort und in der Welt. In der Versöhnung wird hörbar: Wir bieten heute schon den Menschen die Hand, die von den Kriegstreibern und ihren Profiteuren immer wieder zu unseren Feinden gemacht werden: Wir erklären den Frieden.

Kategorien: Europa, Frieden und Abrüstung, Gewaltfreiheit, International, Meinungen
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